D 957

Franz Schubert (1797–1828)

Schwanengesang D 957


Byron Knutson - piano
Hans-Georg Priese - Tenor

  1. Liebesbotschaft (Ludwig Rellstab)
  2. Kriegers Ahnung (Ludwig Rellstab)
  3. Frühlingssehnsucht (Ludwig Rellstab)
  4. Ständchen (Ludwig Rellstab)
  5. Aufenthalt (Ludwig Rellstab)
  6. In der Ferne (Ludwig Rellstab)
  7. Abschied (Ludwig Rellstab)
  8. Das Fischermädchen (Heinrich Heine)
  9. Am Meer (Heinrich Heine)
  10. Die Stadt (Heinrich Heine)
  11. Der Doppelgänger (Heinrich Heine)
  12. Ihr Bild (Heinrich Heine)
  13. Atlas (Heinrich Heine)
  14. Die Taubenpost (alternativ: D 965a) (Johann Gabriel Seidl)

Krone, Schmerz und Krönchen - Schuberts Schwanengesang

Wir, der kanadische Pianist Byron Knutson und der Berliner Tenor Hans-Georg Priese möchten Ihnen unsere Interpretation von Schuberts "Schwanengesang" vorstellen. Aus unserem künstlerischen Kennenlernen anhand einer Studioaufführung des "Lohengrin" entstand der gemeinsame Wunsch, uns wieder mit Schubert auseinanderzusetzen. Wir beide konnten uns schnell darauf einigen, dass Musik dann besonders spannend wird, wenn sie zeitlos wird, ohne ihre Zeit zu verleugnen, wenn sie frei wird, ohne ihre stilistischen Fesseln abwerfen zu müssen. Bachs Passionen, Mozarts „Idomeneo“ und Bergs „Wozzeck“ im Grossen, beim Schwanengesang sind wir im vermeintlich Kleinen fündig geworden. Deshalb Schwanengesang, hier und heute:

Bei diesem letzten der drei grossen Schubertschen Liederzyklen handelt es sich um eine Sammlung von Liedern, die der Verleger Haslinger in Wien posthum zusammengestellt hat. Sie beinhaltet genau genommen zwei Zyklen und Schuberts letztes Lied. Die sechs Lieder nach Gedichten aus Heines "Reisebilder" hatte Schubert bereits eigenständig einem Leipziger Verleger angeboten. Später kamen die sieben Lieder nach Gedichten Ludwig Rellstabs dazu, die der Dichter zunächst Beethoven zur Vertonung angeboten hatte. Beethoven liess sie dann glücklicherweise an Schubert weiterleiten. "Die Taubenpost" nach Seidl ist dann vom Verleger Haslinger angefügt worden.

Aber in ihrer Uneinheitlichkeit vielleicht spannt die Sammlung vielleicht einen weiteren Bogen als es "Die schöne Müllerin" und selbst die "Winterreise" vermögen. Der Tonsprache, aus der "unerhörten" Verbindung von Text und Musik in der "Winterreise" fast bis in die Moderne - jedenfalls in eine atemberaubende Radikalität - weiterentwickelt, stehen romantische, ja fast gefällige Lieder gegenüber. Um diese Distanz sinnfällig zu machen, lohnt sich ein Blick auf die Struktur der einzelnen Gruppen:

Den zyklischen Gedanken der am Anfang stehenden Rellstablieder hat der renomierte deutsche Bariton Christian Gerhaher als siebenzackige Krone beschrieben.1 Alle Lieder handeln von der Entfernung zum geliebten Subjekt. Das berühmte „Ständchen“ als Zentrum geht an das unmittelbar Nahe: "Komm, beglücke mich!" Davor und danach stehen jeweils zwei Dreiergruppen, von den jeweils die mittleren zu den radikalsten und in ihren Mitteln sparsamsten Liedern Schuberts gehören.

Zur Reihenfolge der darauf folgenden Heine-Lieder ist viel geschrieben worden. Wirklich authentisch ist nur die vom Verleger veröffentlichte. Der schweizer Musikwissenschaftler Harry Goldschmidt hat in einem berühmten Artikel 19722die Vermutung geäussert, dass die ursprüngliche Reihenfolge eine andere war. Neben dem verbürgten Hinweis, dass Schubert diese Lieder in anderer Reihenfolge eigenständig veröffentlich wollte und der Tatsache, dass sie auch bei Heine in dieser Reihenfolge stehen, begründet er dies aus der Musik und dem Inhalt heraus. Es zeichnen sich nach dem bakarolenhaften "Fischermädchen" (As-Dur) in einer fallenden Linie der Tonarten die Leidensstationen des Erzählenden über "Das Meer" (C-Dur), "Die Stadt" (c-moll), "Der Doppelgänger" (h-moll) bis zu "Ihr Bild" (b-moll), um dann beim "Atlas" – nicht ohne leichte Ironie - dieses konkrete (Liebes-)Leiden im Terzfall zum Weltschmerz werden zu lassen (g-moll). Uns erschien diese Vermutung so stimmig und zwingend, dass wir sie nachvollziehen wollen, wie es unter anderem schon Peter Schreier in seiner hochgelobten Aufnahme mit András Schiff getan hat.

Es scheint eine glückliche Eingebung des Verlegers, dass diesem Lied dann die in G-Dur stehende "Taubenpost" folgt, die die inhaltliche Klammer unserer Rellstab-Krone wieder aufgreift, um ihr mit einer Liebeserklärung an die Sehnsucht sozusagen ein "Krönchen" aufzusetzen.

Wir freuen uns darauf, zu erleben, wie Sie sowohl über die grossen und kleinen Distanzen, von denen diese Lieder handeln, als auch über die Unterschiedlichkeit der Dichtungen und Schuberts Zugriff beim Hören Brücken schlagen und Ihren eigenen individuellen Schwanengesang entstehen lassen.

Byron Knutson/Hans-Georg Priese


Hörproben WERKSTATT - KUNST - LIED am 25. Mai 2019 in Halberstadt

Der Doppelgänger
Die Taubenpost

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